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Graduate School of the Arts and Humanities Blog

Titelbild TransHumanities 2020

Abstract Julia Wehren

Die Dissertation Körperarchive in Bewegung. Zur Vergegenwärtigung des Vergangenen im zeitgenössischen Tanz von Julia Wehren rückt eine spezifische Ausprägung des zeitgenössischen Tanzes in den Fokus: Choreographien, die auf Tanzgeschichte zurückgreifen und sie – in unterschiedlicher Weise – zum Thema machen und reflektieren. Ausgehend von der These, dass es sich bei dem beobachteten Phänomen um eine produktive Verschränkung von choreographischer Praxis und Theorie handelt, wird die Frage gestellt nach dem Erkenntnispotential im Hinblick auf die tanzwissenschaftliche Theoriebildung. Seit den 1990er Jahren beschäftigen sich Choreograph/innen zunehmend und signifikant mit der Fachgeschichte des Tanzes. Mittels Bezugnahmen auf historische Phänomene (Ereignisse, Stücke, Techniken bzw. Methoden, Schulen und Stile) thematisieren sie am und mit dem Körper Strategien der Aneignung von Tanz, der Erinnerung und Vermittlung sowie der Refigurationen von Tanz. Körperkonzepte und Techniken werden gleichermassen zur Diskussion gestellt wie traditionelle Vorstellungen von Originalität, Authentizität, Meister- und Autorschaft. Vergangenheit wird dabei verstanden als gegenwärtig konstruierte. In hybriden Formaten wie der Lecture Performances, in biographischen Inszenierungen oder Reenactments wird so über die Erzählbarkeit von Tanzgeschichte auf der Bühne nachgedacht. Unterschiedliche solche Verfahren werden anhand von ausgewählten Beispielen von Foofwa d’Imobilité, Boris Charmatz, Jérôme Bel und Olga de Soto herausgearbeitet und im Hinblick auf ihr historiographisches sowie (tanz-)geschichtskritisches Potential analysiert. Während das Prinzip der Wiederholung in Form von Zitaten, Kopien, Parodien, Hommagen oder Demontagen in anderen Kunstsparten zum Paradigma der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts geworden ist, gestaltet sich das Phänomen im Tanz nicht nur später, sondern auch dezidiert anders. Dies ist auf historisch gewachsene Spezifika dieser performativen Kunstform zurück zu führen. So geschieht die Überlieferung von Tanz – abgesehen von Notationen und filmischen Aufzeichnungen –traditionellerweise von Körper zu Körper, durch Nachahmung und mündliche Anleitung. Diese Kopplung an das Körpergedächtnis macht die Kunstform nicht nur zu einem paradigmatischen Reflexionsfeld für Präsenz- und Absenzdiskurse sowie Fragen nach (körperlichen) Wissensformationen, Archivbildung und Vermittlungsstrategien, wie sie derzeit in der Tanz- und Kulturwissenschaft diskutiert werden; die Tanzhistoriographie ist qua prekärer Material- und Quellenlage stets von neuem herausgefordert, ihre methodologischen Prämissen kritisch zu erörtern. Aktuell sind ausgehend von einem konstruktiven Geschichtsbegriff neue Modelle gefordert: Die Dissertation rückt deshalb anstelle des Verlust-Topos in einer positiv-produktiven Wendung den Begriff des Archivs als ein Leitmotiv theoretischer Auseinandersetzung mit zeitgenössischem Tanz, mit körperlich-choreographischer (Selbst-)Reflexion in den Blickpunkt. Die Thematik der historischen Rückbezüglichkeit in der künstlerischen Praxis hat sich mittlerweile vielfältig in Tagungen, Aufsatzsammlungen, Festivals und Fachzeitschriften niedergeschlagen. In Artikeln werden einzelne Beispiele analysiert und auf ihre Bedeutung für die Tanzpraxis hin befragt. Eine wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung ist jedoch bis anhin noch ausstehend. Diese Lücke soll mit dem Dissertationsprojekt geschlossen werden. Es nimmt ausgehend von der Analyse einzelner, paradigmatischer Stücke eine historische und theoretische Kontextualisierung des Phänomens vor, um Ursachen und Auswirkungen dieser für die Tanzgeschichte bedeutenden Wende im Umgang mit Tradition und Geschichte herauszuarbeiten. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Frage nach der Funktion von choreographischen Reflexionen gelegt, um damit die Formen und Möglichkeiten von Übertragung, Archivierung und Historiographie in der Tanzwissenschaft und -praxis neu denken und praktizieren zu können.

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